Pilotprojekt: Wir testen das neue Gesangbuch
Berkenthin/Lübeck. Noch bevor das neue Evangelische Gesangbuch offiziell erscheint, wird es bereits gesungen, gebetet und erprobt. In fast 600 Gemeinden in ganz Deutschland testen derzeit Haupt- und Ehrenamtliche die neuen Lieder, Texte und Strukturen.
Rund 32.000 Erprobungsbände sind dafür im Umlauf. Bis März 2026 sollen die Erfahrungen aus der Praxis in die Weiterentwicklung des Gesangbuchs und seines digitalen Pendants einfließen. Auch im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg ist das neue Gesangbuch bereits im Einsatz – unter anderem im Mariensprengel und im Dom zu Lübeck.
Besuch in der Testgemeinde Berkenthin
Sonntagmorgen, kurz vor halb 10. “Gottesdienst mit Tauferinnerung” in der Maria-Magdalenen-Kirche in Berkenthin. Pastor Jaan Thiesen gestaltet diesen Morgen, lässt den Besuchenden beim Betreten des Gotteshauses das frische Druckwerk austeilen. Die einen schauen überrascht. Andere neugierig und vorsichtig gespannt. Die Aufklärung folgt gleich nach der Begrüßung: “Wir sind als Gemeinde ausgewählt worden, das neue Gesangbuch der EKD zu testen.”
Pastor Jaan Thiesen gehört - eigenen Worten zufolge - zu denen, die dem Erprobungsband offen und neugierig begegnen – und insgesamt positiv überrascht sind.
Mir gefällt die neue Ordnung
Inhaltlich überzeugt ihn vor allem die neue innere Ordnung des Buches. „Mir gefällt die Logik im Aufbau in die verschiedenen Zeiten des Lebens“, sagt Thiesen. Die Gliederung orientiere sich nicht nur an Kirchenjahr und Tageszeiten, sondern auch an Lebensphasen. „Eine Sortierung gab es früher natürlich auch, aber für mich war diese undurchsichtiger.“ Hilfreich seien zudem die Einleitungsseiten zu den einzelnen Liedsektionen. „Das ist noch einmal ein Mini-Inhaltsverzeichnis pro Sektion“, erklärt der Pastor – vergleichbar mit den Einführungen vor biblischen Büchern in modernen Bibelausgaben.
Mutige Auswahl an Liedern
Besonders mutig findet Thiesen die Auswahl der Lieder. Dass englischsprachige Worship-Songs ihren Platz im neuen Gesangbuch gefunden haben, begrüßt er ausdrücklich. „Diese haben in der Regel ja eine kürzere Haltbarkeit und könnten in zwei, drei Jahren schon wieder out sein. Ich finde es trotzdem super, denn Teil des EG zu sein, festigt manche modernen Einschläge.“ Insgesamt sei die „Frischzellenkur des Liederkanons viel gelungener als erwartet“.
Gewöhnungsbedürftig sei für ihn derzeit noch die Sektion „Allezeit“, in der es um den Gottesdienst geht. Dort stehen Psalmtexte und Psalmlieder nebeneinander. „Sinnvoll nach den Psalmen sortiert, aber aktuell finde ich es seltsam, dass Texte und Lieder so durcheinander sind“, sagt Thiesen und ergänzt: „Es ist ja auch noch das Erprobungsbuch – das kann sich in der finalen Fassung ändern.“
Jünger und internationaler
Für Menschen, die sich mit Gesangbüchern weniger auskennen, sieht Thiesen klare Unterschiede zum bisherigen Evangelischen Gesangbuch. „Neu ist, dass sich Lieder und Gebete beziehungsweise Texte mischen“, erklärt er. Während früher Gebete und Texte in einem eigenen Kapitel standen, seien sie nun in den Gesamtaufbau integriert. Außerdem habe sich der Liedbestand deutlich verjüngt und internationalisiert.
„Neben den Klassikern, die geblieben sind, gibt es viele Lieder, die nach 1980 geschrieben wurden.“ Teilweise stehe inzwischen auch der englische Originaltext im Buch, etwa bei „Bleib bei mir, Herr“, und der Worship-Song „Waymaker“ komme sogar ganz ohne deutsche Übersetzung aus. Praktisch findet Thiesen zudem, dass bei modernen Liedern direkt die Akkorde abgedruckt sind – „das macht es für Gitarristinnen und Gitarristen deutlich einfacher“.
Praktische Herausforderungen
Mit Blick auf den sonntäglichen Gebrauch sieht der Pastor weniger inhaltliche als vielmehr praktische Herausforderungen. „Das wird derselbe Effekt sein wie bisher: Das Gesangbuch hat mehrere hundert Lieder, aber der Liederschatz einer Gemeinde beschränkt sich am Ende auf etwa 40 bis 50 Lieder, die gut funktionieren.“ Hinzu komme die Umstellung: „Die Seiten, die sich schon von allein aufschlagen, werden es nicht mehr tun, weil bekannte Lieder neue Nummern haben.“
Besonders freut sich Thiesen über einzelne Neuzugänge, etwa das Worship-Weihnachtslied „Light of the World“ von Tim Hughes. „Das ist ein wunderbares Lied“, sagt er.
Kein Durchsing-Gottesdienst geplant
In Berkenthin soll das neue Gesangbuch nun Schritt für Schritt erprobt werden. Einen kompletten „Durchsing-Gottesdienst“ plant Thiesen nicht. „Das Erprobungsheft hat immerhin knapp 160 Lieder“, sagt er schmunzelnd. Stattdessen will er das Buch in unterschiedlichen Kontexten einsetzen: „Mal mit den Konfis, mal mit den Seniorinnen und Senioren, mal im Gottesdienst.“ Auch die digitalen Angebote der Nordkirche will er nutzen, etwa für Liedzettel. Wie genau Rückmeldungen aus der Gemeinde gesammelt werden, ist noch offen. „Aber ich bin zum Glück nicht allein“, sagt Thiesen. Gemeinsam mit der Kirchenmusikerin wolle er nach einem guten Weg suchen, das neue Gesangbuch in der Gemeinde zu verankern.
Besuch in der Testgemeinde am Dom zu Lübeck
Das neue evangelische Gesangbuch soll am 1. Advent 2028 in ganz Deutschland eingeführt werden. Am Pilotprojekt ist auch der Dom zu Lübeck beteiligt. Hier begleitet Pastor Martin Klatt die Erprobung mit einem wachen Blick auf musikalische Vielfalt, praktische Fragen des Gottesdienstes und die Reaktionen der Gemeinde.
Klatt macht deutlich, dass der vorliegende Band nur einen Ausschnitt des künftigen Gesangbuchs zeigt. „Vielleicht werde ich am Ende einige meiner Lieblingslieder vermissen“, sagt er, ordnet dies aber ein: „Jedes Gesangbuch ist eine Momentaufnahme und ein Kompromiss angesichts der Fülle christlichen Liedguts.“
Lob für die musikalische Vielfalt
Besonders positiv hebt er bei der vorliegenden Fassung die musikalische Vielfalt hervor. „Was mir, der für sein Leben gern singt, besonders gut gefällt, sind die vielen mehrstimmigen Liedsätze.“ Auch die unterschiedlichen Musikstile und die internationale Mehrsprachigkeit vieler Lieder empfindet er als Gewinn.
Für Menschen, die mit Gesangbüchern weniger vertraut sind, sieht Klatt vor allem strukturelle Neuerungen. „Es gibt eine neue Gliederung – Tageszeit, Jahreszeit, Feierzeit, Allezeit, Lebenszeit und Weltzeit –, der die einzelnen Lieder zugeordnet sind“, erklärt er.
Eine deutliche Veränderung sieht er zudem im Umgang mit den Psalmen. Aus dem bisherigen Leseteil sei ein eigenständiges Psalmen-Singebuch geworden. „Es gibt nun unterschiedliche musikalische Gestaltungsmöglichkeiten, und einzelne Psalmtexte erscheinen auch in anderen Übersetzungen“, sagt Klatt.
Das Schriftbild ist kleiner
Im Blick auf den sonntäglichen Gebrauch benennt der Dompastor praktische Herausforderungen. Das Schriftbild sei insgesamt kleiner, was die Lesbarkeit für manche Gemeindemitglieder erschweren könne. Hinzu komme, dass bei einigen mehrstimmigen Liedern während des Singens umgeblättert werden müsse. „Das kann schon eine Herausforderung sein – besonders, wenn man das Lied nicht kennt“, so Klatt.
Die Reaktionen sind höchst unterschiedlich
Am Dom ist der Erprobungsband bereits mehrfach zum Einsatz gekommen, unter anderem in den Sonntagsgottesdiensten in der Weihnachtszeit sowie in anderen Formaten wie Abendsegen und Andachten. Die Rückmeldungen aus der Gemeinde beschreibt Klatt als sehr unterschiedlich. „Jemand drohte mit Kirchenaustritt, ein anderer wollte das Büchlein am liebsten gleich mit nach Hause nehmen“, berichtet er. Insgesamt nehme er jedoch vor allem Interesse und Offenheit wahr – und „Freude auf neue Lieder“.
Besonders ans Herz gewachsen ist Klatt der neue Psalmenteil – „sowohl für die Gottesdienste am Sonntag als auch für kleinere gottesdienstliche Formen“, sagt er. Auch bei den Abendliedern entdeckt er Vertrautes und Neues zugleich. Dass „Nun ruhen alle Wälder“ weiterhin mit vierstimmigem Satz enthalten ist, habe er erwartet – „und freue mich trotzdem“. Besonders angetan ist er davon, dass „Bleib bei mir, Herr“ nun ebenfalls vierstimmig gesetzt ist und zusätzlich den englischen Originaltext „Abide with me“ enthält. „Wundervoll“, sagt Klatt.
Aktiver Dialog mit der Gemeinde
Den Dialog mit der Gemeinde will der Dom aktiv suchen. Im Mittelpunkt stehe zunächst das gemeinsame Ausprobieren. „Wir wollen vor allen Dingen Erfahrungen mit dem neuen Gesangbuch machen und hinhören auf die Reaktionen der Menschen“, erklärt Klatt. Das Erprobungsverfahren sehe ausdrücklich vor, dass jede und jeder Rückmeldungen einbringen könne – dazu wolle man ermutigen.
Am 22. Februar ist nach dem Gottesdienst eine Gemeindeversammlung geplant, bei der das neue Gesangbuch ein eigener Tagesordnungspunkt sein wird. „Da erhoffen wir uns eine lebendige Diskussion“, sagt Klatt. Parallel dazu will das Pfarrteam gemeinsam mit den Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern die eigenen Eindrücke und Erfahrungen auswerten.